Von seinem Vater erbte er ein paar Kühe, ein altes Haus und karges Land. Er gründete eine Familie und zog zusammen mit seiner Frau eine Schar Kinder gross. Sein Tal kennt er in allen Facetten, verlassen hat er es in all den Jahren nie.

Einmal hätte er die Gelegenheit gehabt. Wie alle jungen Männer wurde er zur Aushebung für den Militärdienst aufgeboten. Gewillt, zusammen mit General Guisan die Schweiz zu verteidigen, ging er hin. Er war jung, stark, gesund und erst noch berggewohnt. Sein Vater, noch rüstig, versprach, das Nötige zu tun, um den Betrieb über die Runden zu bringen.

An der Musterung wurde ihm mitgeteilt, dass er Plattfüsse habe. Er sei darum untauglich für den Dienst in der Schweizer Armee. Das war eine grosse Enttäuschung für ihn, ja für die ganze Familie. Er brauchte lang, um sich von diesem Tiefschlag zu erholen. Gestört haben ihn seine Plattfüsse nie. Zog er nicht Tag für Tag die mit Tricouni-Winkeln beschlagenen Militärschuhe an? Arbeitete er nicht täglich im steilsten Gelände? Trittsicher und unfallfrei. Warum sollten seine Plattfüsse dem Vaterland nicht dienen dürfen?

Gion Gieri wusste nicht, dass der Genfer Edelsteinfasser und Bergsteiger Felix Valentin Genecand, alias Tricouni, die gezackten Beschläge speziell für solch extreme Beanspruchungen erfunden hatte. Das war ihm eigentlich auch egal. Aber die Herren vom Aushebungsteam hatten offenbar auch keine Ahnung davon. Und vom Leben in den Bergen erst recht nicht.

Im Bergtal wurden Truppen einquartiert. Der Krieg ging vorbei. Die Truppen zogen ab. Gion Gieri widmete seine Kräfte und Talente dem Bergbauernbetrieb und begann zu vergessen. Den Tricouni-beschlagenen Bergschuhen blieb er treu. Im Nachbardorf liess er sie beim Schuhmacher reparieren und neu beschlagen – grad so, wie man mit dem Pferd auch immer wieder zum Hufschmied muss. Bis ins hohe Alter sprach niemand mehr von seinen Plattfüssen.

Dass einer seiner Söhne dann viele Jahre später, trotz der vererbten Plattfüsse, Hauptmann wurde in der Schweizer Armee, lässt ihn heute nur noch schmunzeln.