Wessen Vater da gemeint ist und wo auch immer dieser Himmel sein soll – ich weiss es nicht. Meine Aufgabe besteht darin, den Herrn Pfarrer sicher auf die Kanzel zu tragen. Und lastet auch das Sündengewicht der ganzen Kirchgemeinde auf seinen schmalen Schultern, auf mich ist Verlass. Meine Hinterkappe gibt ihm Halt, mein Gelenk stützt ihn. In Ewigkeit. Amen.
Alle beten sie andächtig zu diesem Vater, hoffen auf einen Platz im Himmel. Wahrscheinlich sind die freien Plätze im Himmel knapp. Jedenfalls wünscht der eine oder andere seinem Nachbarn, dass dieser in der Hölle schmoren möge, auf der untersten Platte sogar.
In die Kirche pilgern sie recht zahlreich. Es gehört sich so. Die Worte, die mein ehrwürdiger Pfarrer Sonntag für Sonntag an sie richtet, vergessen sie kurz nach der Türschwelle wieder. Ob das mit dem Wasser zu tun hat, das er jeweils in Wein verwandelt? Einige Kirchgänger suchen nach dem Hochamt gern noch das Pfarrhaus auf, um die Qualität des «Wunderlüüters» (Wunderwassers) zu prüfen.
Nicht dass es mein frommer Herr beim Gurgeln übertreibt, aber in die Schuhe leert er es auch nicht, wie man zu sagen pflegt. Mir ist es recht so, ich werde ungern nass. Im Pfarrhaus unter dem Küchentisch lausche ich gespannt den Gesprächen. Mit geschmierten Stimmbändern werden Themen diskutiert, die nicht immer von katholischer Natur sind. Viele Geschichten höre ich mehrmals, einige schaffen es sogar bis in den Beichtstuhl, wo sie dann ganz unkompliziert in ein paar Vaterunser und Gegrüsst-seist-du-Maria umgewandelt werden.
Gebete bringen sogar Eis zum Schmelzen, habe ich gelernt. Noch im letzten Jahrhundert sind gewisse Gletscher so weit ins Tal vorgestossen, dass das kostbare Schmelzwasser nicht mehr zum Bewässern der Wiesen gefasst werden konnte. Die jährlichen Bittprozessionen sollen die Gletscher dazu gebracht haben, sich zurückzuziehen. Aus meiner ganz naiven Schuhsicht: Hat man da gar den Klimawandel herbeigebetet?
Die meisten Prozessionsteilnehmer wussten bald nicht mehr, wofür oder wogegen sie prozessionierten. Niemand konnte zeigen, um welchen Gletscher es ging. Weit und breit war nichts Gefrorenes mehr zu sehen. Um den Anlass trotzdem weiterführen zu können, hat man, nach einer Audienz beim Papst in Rom, das Gelübde umgewandelt. Seither betet man einfach gegen den Gletscherschwund an. Nun trägt man auch im Bergdorf seinen bescheidenen Teil zur Erfüllung der Klimaziele bei.
Hochwürden interessiert das nur noch am Rande. Er ist alt geworden. Selten stehen seine Füsse noch auf meiner Brandsohle, oft muss er sie hochlagern. Der Rücken zwickt, die Leber sticht und das Herz schmerzt. Wird er bald durch die Himmelspforte schreiten? Braucht er Schuhe dafür? Braucht er mich noch? Und wenn er durchs Fegefeuer müsste, was ich nicht denke, sind meine Sohlen gut genug?
Keiner ist fehlerlos, auch Hochwürden nicht. Dennoch hat er vielen Kirchgängern geholfen. Besser gesagt: Wir beide haben vielen Menschen geholfen. Was wäre ein Pfarrer ohne seine Schuhe? Er oben, ich unten. Er hat gepredigt, ich habe ihn getragen. Gemeinsam haben wir arme Seelen vor dem Feuer der Hölle bewahrt und ihnen stattdessen einen Platz im Himmel in Aussicht gestellt.
«Dieser Schuh?» Jemand hebt mich etwas unsanft hoch und platziert mich am kalten Fuss meines Chefs. Wir sind bereit für unsere letzte Reise. Die Antwort kommt von der untröstlichen Pfarrjungfrau: «Natiirli, äs ischt der Schüäh vam Pfarrer gsi.»
