Was habt ihr denn hier verloren? Und der Typ darin? Was ist der wohl von Beruf? Clown? Oder Astronaut? Man sollte ihn nach seinem Namen fragen, bestimmt würde er mit ernster Miene und möglichst tiefer Stimme «Neil Armstrong» antworten *kaputtgröl*. Sicher ein Aargauer *doppel-kaputtgröl*.
Und glaubt jetzt ja nicht, ich sei so ein Zuhältermodell wie jene Schuhe von den schmierigen Typen an der Langstrasse. Nein. Ich = Sneaker. Ich = cool. Und: ich = hip. Genau wie mein Träger: Cyrill. Ich bin Zeuge seines guten Geschmacks. Und erst mein Schöpfer, der muss ein Genie gewesen sein: Der Beigeton meines Oberleders ist einzigartig, erst recht in Kombination mit den seitlich aufgenähten Streifen in leicht gebrochenem Grün und Rot – elegant und trotzdem sportlich.
Mich trifft man sonst eigentlich in den Cafés und Bars im Kreis 3, 4 und 5 dieser Stadt. Cyrill tauscht sich dort mit der Crème de la Crème des Stadthipstertums aus. Und was die einander alles so erzählen – unglaublich. Diesen Sommer am Idaplatz hat uns ein Vollidiot mit Vollbart belehrt: «Toleranz, Junge, die fehlt uns. Sonst haben wir ja alles.» Toleranz, ha! Dass ich nicht lache. Logisch spricht der mit seiner hässlichen Fratze von Toleranz *erneut-kaputtgröl*. Die alle haben das Gefühl, ganz weit oben dabei zu sein. Aber wisst ihr was? Alles Aargauer, Innerschweizer, Ostschweizer.
T-O-L-E-R-A-N-Z. Schon der Klang dieses Wortes klingt ja wie «toll». Als wäre es etwas Tolles, wenn ich zusammen mit Zuhälterlatschen und Moonboots abhängen würde. Sorry, ich meine: mit Aargauer-Inner-und-Ostschweizer-Zuhälter-Moonboots *beinahe-sterb-vor-gröl*.
Hey Leute, jetzt mal im Ernst: Der ehemals mächtigste Mann der Welt, dieser Trampel da, hat es ja bewiesen. Willst du mächtig sein? Pfeif auf Toleranz. Weiche keinen f****** Fussbreit von deiner Meinung ab, es sei denn, es nützt dir irgendwie. Wenn ihr also mächtig sein wollt, tut es ihm gleich. Ganz einfach.
Cyrill findet diese lächerliche Maske wohl chic, die er beim Rausgehen trägt. Wenn er überhaupt mal rausgeht. Keine hippen Bars mehr, keine Clubs – alles geschlossen. Cyrill geht kaum mehr vor die Tür. Was geht da ab? Ich vermisse sogar schon den Vollbart vom Idaplatz und seine lächerlichen Sandalen. Aber das ist nicht das Zentrum meines Problems. Bisher gab es in Cyrills privilegiertem Schuhkästchen gleich neben dem Eingang nur mich und meine ebenbürtigen Freunde. Alle voll dabei, alle hip – wie ich.
Doch jetzt nächtigen da seine oberhässlichen, abgelatschten braunen Schlarpen. Die trägt er nun den ganzen Tag. Und ich? Ich liege hier im Vorratsraum. Halb zugedeckt vom Altkartonhaufen und dem exponentiell wachsenden Altglaslager. Ungebraucht. Kein Licht. Keine Wertschätzung. Hallo, Welt! Wie wäre es mit etwas Toleranz mir gegenüber?
