Vor nicht allzu langer Zeit sah ich blendend aus. Eine renommierte Schuhmacherin aus Menznau brachte mich an eine wichtige Sitzung nach Luzern, wo ich an die Fuesse eines Funktionaers des Verbandes Fuss & Schuh gelangte. Darauf bildete ich mir etwas ein. Ich stellte mir vor, dass mein neuer Besitzer etwas von Schuhen verstehen muesse, mich hegen und pflegen wuerde wie kein anderer. Welch Enttaeuschung! Welch Reinfall!

Am Anfang gab er sich ja noch Muehe. Er zog mich nur bei gutem Wetter an. Er entfernte den Schmutz, der sich auf meinen weissen Sohlenraendern ansammelte, taeglich. Er informierte sich im Internet, wie man meine weissen Sohlen putzen kann, sodass ich moeglichst lange buerotauglich bleibe. Aber schon bald hoerte ich ihn ueber mich laestern, weil es unvermeidbar war, dass ich untenrum etwas gelblich wurde. Als ob er immer noch aussähe wie zwanzig! Er versuchte es mit Zahnpasta und mit speziellen weissen Putzschwaemmen, doch gab er sich nicht wirklich Muehe und verlor schon bald das Interesse, mir auch nur noch ein Mindestmass an Pflege zuzugestehen.

So beendeten optische Makel meine Berufskarriere viel zu frueh, ich wurde zum Freizeitschuh fuer Spaziergaenge degradiert. Spaziergaenge mit dem Hund: haesslich in seiner Art, gemein in seinem Verhalten. Das Wesen verzichtet gaenzlich auf Schuhe, hat vier Pfoten, an denen wueste Zottel runterhangen, die es liebend gern in Sumpf und Dreck steckt.

Es scheint, dass mein Besitzer zeitweise die Kontrolle ueber das Wesen verliert. Zahlen dafuer muss ich: Ich werde hin und her gerissen, durch Pfuetzen, Waelder und anderen Unrat getrieben. Manchmal nimmt mich das Wesen zu Hause in seine Schnauze, rennt mit mir knurrend und sabbernd durch die Wohnung und schuettelt mich hin und her, als ob ich kein Empfinden haette.

Und kommt dann das Kind und will mit meinen Schuhbaendeln spielen, heisst es: «Lass das sein, das ist grusig.» Ach so, ploetzlich bin ich also grusig, unhygienisch, man darf mich nicht mehr anfassen. Das ist doch nun wirklich nicht meine Schuld!

Aber ich bin sowieso aus dem Zentrum gerueckt. Ich frage mich, ob es bei meiner Reflexion wirklich um mich geht. Oder ob es schon wieder um diesen Koeter geht. Aufs Foto musste er ja auch unbedingt. Was soll ich machen? Der Hund ist nun mal da … Und es stimmt, manchmal ist er der Einzige, dem es egal ist, dass ich nun so bin, wie ich bin. Dann legt er den Kopf auf mich und gibt mir als Einziger noch etwas Waerme.