Die Schnürsenkel des Wanderschuhs zu meiner Linken hängen unanständig rüber, kreuzen mein Vorderblatt. Zerfranste Tentakel, deren Berührungen mich anwidern. Gemocht haben wir uns noch nie, der Wanderschuh und ich. Zu gegensätzlich sind wir gepolt. Er, ein grobschlächtiger Prahlhans, der stolz ist auf seine Narben im Gummiwetterschutzrand. Einer, der gern etwas übertreibt, ungefragt von Steinschlägen und halsbrecherischen Gratklettereien berichtet. Ich, ein Lustwandler, ein Schöngeist, der das Flanieren auf städtischen Promenaden schätzt. Sich wohlfühlt unter den runden Tischchen von noblen Kaffeehäusern – ein Schuh von Welt eben.
Rehbraunes Veloursleder, von einer dünnen Gummisohle geschützt, eine nach aussen gestülpte Handnaht ziert mein Vorderblatt. Ich bin schlicht und trotzdem elegant, ein klassischer Mokassin. Und nennt mich bitte nicht Schlüpfer, das klingt vulgär, so bezeichnet man meine minderprivilegierten Artgenossen bei Dosenbach.
Rechts von mir stehen seine alten Adiletten. Nicht mal diese trägt er mehr. Verraten, vergessen und weggesperrt hat er uns, seine Schuhe, verbannt in den dunklen Schuhkasten. Im Dunste seines Fussschweisses modern wir vor uns hin. Er hat uns seiner Ideologie geopfert. Seit knapp einem Monat ist Marco fundamentaler Barfussgänger.
Gesund soll es sein und glücklich mache es auch. Seine Knieschmerzen seien plötzlich weg, weniger Schläge halt, man laufe ohne Schuhe vermehrt auf den Fussballen, höre ich ihn rühmen. Er schwitze weniger, fühle sich freier und hygienischer. Ein besseres Leben ohne Schuhe.
Jetzt muss er einfach mal einen Punkt machen, der gute Marco. Ich kann sein Gefasel nicht mehr hören. Mir platzt gleich die Mokassinnaht! Läuft ein paar warme Herbsttage lang ohne Schuhe rum und glaubt, er habe die Welt neu erfunden. Der soll mal an einem verschneiten Wintermorgen seinen Renault schuhlos enteisen. Und will er sich in den Skiferien in Zermatt barfuss in die Bindung stellen? Da braucht es doch den Kollegen Salomon vom untersten Tablar.
Was ist mit mir? All die schönen Apéros, zu denen ich ihn diskret, aber stilvoll begleitet habe? Alles vergessen? Soll er doch mit geschwollenen Käsefüssen am kalten Buffet aufkreuzen. Seine Grosszehenknollen zwischen die filigranen Absätze der Damenwelt stellen. Oben Weisswein und pseudointellektuelle Gespräche über Musik und Malerei, während unten zwei Fleischklösse aus den Hosenbeinen gucken. Herrgott, wie sieht das denn aus?
Nur ein kleiner Splitter, ein rostiger Nagel oder eine fiese Glasscherbe, zivilisatorische Begleiterscheinungen, Marco wird vor dem ersten Schnee kapitulieren müssen, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Bis dann gilt es, im Schuhschrank auszuharren. Wir werden unsere Freiheit wiedererlangen!
